Tacheles - mit L. Manitas …

… im Dialog mit cdemos

Teil 2 - über den Roman "42 Punkt Null"

Der Roman 42 Punkt Null

cdemos: Lassen Sie uns jetzt ausschließlich über Ihren Roman sprechen. Sie haben im ersten Teil des Interviews gesagt, dass manche Leser überfordert sein werden. Ist er so schwer zu lesen?
manitas: Nicht im Sinne von Kant oder Dostojewski. Stilistisch weist mein Roman kaum Hürden auf. Es sind einzelne Inhalte, die für Laien schwer nachzuvollziehen sind. Vor allem, wenn es um Wissenschaftliches oder Pseudowissenschaftliches geht. Meine Lektorin hat jedenfalls geistig abgeschaltet, als der Hausmeister seine Phasenverlaufs-Theorie entwickelt hat.
cdemos: So schwierig?
manitas: Überhaupt nicht! Wesentlich einfacher, als die meisten anerkannten wissenschaftlichen Theorien. Das Problem liegt eher in der Unfähigkeit unseres Gehirns, sich mit paradoxen und hochkomplexen Dingen außerhalb der gewohnten Dimensionen zu beschäftigen. Unser Denkapparat ist auf praktische Intelligenz innerhalb der 3. Dimension ausgelegt.
cdemos: Aber ihr Roman ist doch überwiegend verständlich geschrieben. Wieso bauen Sie denn dann ein solch kompliziertes Thema ein?
manitas: Wenn Sie genauer hineinlesen, werden Sie feststellen, dass auch der Blog des Hausmeisters in einem Verlauf geschrieben ist: in sanften Übergängen vom Einfachen zum Komplexen. Beim Phasenverlauf erreicht der Leser in etwa die Ebene der Physiker, Metaphysiker oder Philosophen. Man könnte fast meinen, diese Theorie sei eine Schnittstelle zur Welt der vergeistigten Gelehrten, die dort im Elfenbeinturm sitzen und jeglichen Kontakt zur menschlichen Realität verloren haben.
cdemos: Schnittstelle? Das hört sich irgendwie an wie ein Cyberspace-Roman.
manitas: Haben Sie den Roman überhaupt gelesen?
cdemos: Ja, natürlich. Ach, ich verstehe, es geht ja um …
manitas: Hey, Vorsicht! Nicht zu viel verraten!
cdemos: Sorry! Eine Frage zur Technik. Sie beschreiben die technischen Hilfsmittel in einer Form, die stark an Science Fiction erinnert. Ist Ihr Roman Science Fiction?
manitas: Ja. Nein. Vielleicht. Eigentlich nicht. Ein Leser, der dieses Genre erwartet, wird enttäuscht sein. Keine Weltraumballereien, keine übersinnlichen Kräfte, keine Vorwegnahme spektakulärer technischer Entwicklungen. Allerdings benutze ich durchaus futuristisch anmutende Technik, das gebe ich zu.
cdemos: Zum Beispiel der Quantencomputer, der in der Lage ist, anhand von Parametern das gesamte Universum von Beginn an zu berechnen und zu simulieren. In unserer Realität gibt es das doch nicht. Oder ist nicht möglich.
manitas: Woher wissen Sie das? Schauen Sie sich doch mal die neusten Simulationen der BBC London zur Entstehung des Universums an. Sieht man einmal von der effektvollen Aufbereitung zum Zwecke der Unterhaltung ab, so ist doch die Detailgenauigkeit durchaus verblüffend.
cdemos: Und wie verhält es sich mit dem Holo-Deck, das Sie in Ihrem Roman mehrfach erwähnen? Das ist doch Raumschiff Enterprise – next generation.
manitas: Das habe ich da geklaut, klar. Aber ist das wirklich Zukunft? Die Technik haben wir schon. Und wenn jemand auf die Idee käme, diese umzusetzen, er könnte es tun, ohne weitere Forschung oder Entwicklungsarbeit. Allein die finanziellen Aspekte verhindern – oder fördern – ob etwas gebaut wird oder nicht. Damit meine ich nicht nur die Kosten. Das einzig Entscheidende ist, ob ein Projekt gewinnträchtig ist oder nicht. Bringt es etwas ein, wird es gemacht, wenn nicht, dann nicht. Manpower muss sich rechnen.
cdemos: Dann wäre da noch der VDAC, eine Software, die einen intelligenten und autarken Eindruck erweckt. Ist das heute ebenfalls bereits denkbar?
manitas: Noch nicht ganz, aber wir sind nah dran. Google, Facebook und Konsorten arbeiten unter Hochdruck daran, immer intelligentere Algorithmen zu entwickeln, parallel dazu sogar Computersysteme. Google hat sich gar mit der NASA zusammengetan, um einen Quantencomputer zu entwickeln. Das alles, um es noch mal deutlich zu sagen, ausschließlich zum Zwecke der Gewinnerzielung oder -maximierung.
cdemos: Also nicht zum Wohle der Menschheit?
manitas: Ich würde jetzt gerne lachen, aber mir ist eher zum Weinen zumute. Das Wohl der Menschheit war, so mich meine spärlichen Geschichtskenntnisse nicht trügen, noch nie von Belang. Es geht und ging immer nur darum, die Gier einiger weniger asozialer Psychopathen zu befriedigen.
cdemos: Sehen Sie das nicht zu schwarz?
manitas: Nein. Ich bin Realist. Und ich habe Augen und Ohren. Sie nicht?
cdemos: In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass ja auch der Hausmeister eine Episode zum Thema Gier erlebt. Später schreibt er in seinem Blog etwas über die Dummheit der menschlichen Spezies. Er empfiehlt gar, die menschliche Spezies als "homo stultus", törichter Mensch, zu benennen. Das sind doch eigentlich Sie, der Autor, der das sagt. nicht wahr? Sind Sie etwa ein Menschenfeind?
manitas: Eigentlich nicht. Doch gebe ich zu, dass ich manchmal große Lust dazu hätte, einer zu werden. Ich muss mich immer öfter zwingen, wirklich Positives zu suchen. Diese Suche ist sehr zeitaufwändig und nur selten von Erfolg gekrönt. Letztens habe ich einen kurzen Bericht in der Tagesschau gesehen, da wurden Bilder gezeigt von Männern, die den sogenannten Vatertag begehen. In der Tagesschau! Das müssen Sie sich mal reinziehen! Welche nachrichtliche Relevanz haben denn besoffene, grölende Kerle? Diese Leute dürfen wählen und sich vermehren. Mir wird schlecht! Als ich diesen Beitrag gesehen habe, war meine erste Reaktion: Ich schäme mich, Mitglied dieser Spezies zu sein! Meine zweite war: dies ist nicht mehr meine Welt. Leider bin ich nun einmal Teil dieser Welt und Mitglied dieser Spezies. Das muss erst mal verarbeitet werden. Insgeheim hege ich die Hoffnung, die Tagesschau sei jetzt auch schon reine Satire, wer weiß.
cdemos: Vielleicht haben Sie deshalb Ihren Roman geschrieben …
manitas: Ganz sicher sogar, und noch weitere Romane und Kurzgeschichten. Manchmal kotzt mich das Benehmen der ach so tollen Menschen einfach nur an. Und ich kotze zurück, mit meinen bescheidenen Möglichkeiten.
cdemos: Das macht ja Ihr Hausmeister in seinem Blog, allerdings nur auf die "Elfenbeiner" bezogen.
manitas: Ja, auf einige Leute in der Welt der Wissenschaft, die aus meiner Sicht nicht von grölenden, pöbelnden Vatertagswichsern zu unterscheiden sind; von sich selbst überzeugte Brüllaffen, denen schlicht der Verstand fehlt, geradeaus zu gehen. Größenwahnsinnig genug um zu glauben, den Geheimnissen des Universums, einschließlich unserer Existenz, auf der Spur zu sein. Doch tatsächlich wissen wir nichts – gar nichts!
cdemos: Heftig! Haben Sie eigentlich Freunde?
manitas: Pseudofreunde, ja. Echte Freunde schon lange nicht mehr.
cdemos: Kein Wunder, bei Ihrer Einstellung!
manitas: Damit muss ich leben.
cdemos: Ich möchte noch einmal kurz auf die intelligente Software zurückkommen. Wenn die Entwicklung, wie Sie behaupten, weitergeht, ist ja wohl anzunehmen, dass es eines Tages Computer geben wird, die intelligenter sind als der Mensch.
manitas: Die gibt es schon, wenn Sie einzelne Vertreter der Spezies "homo stultus" nehmen. In Zukunft wird es allerdings Systeme geben, die selbst den intelligentesten Menschen in Grund und Boden denken werden. Es ist schon fast so weit. Siehe "Deep Mind", der kürzlich im japanischen Brettspiel "Go" einen menschlichen Großmeister dieses Spiels geschlagen hat. Das Bemerkenswerte daran ist, dass "Go" nur mit Intuition gewonnen werden kann, nicht mit rein kalkulatorischer Strategie wie etwa beim Schach.
cdemos: Sollte uns das nicht Angst machen?
manitas: Unbedingt! Der "homo stultus" sollte sich darauf gefasst machen, demnächst von der Evolution selbst aus der Liste der erhaltenswerten Spezies gestrichen zu werden. Wir können schon mal unsere Koffer packen.
cdemos: Wieso das denn?
manitas: Wir haben unsere Schuldigkeit getan. Wir haben mit den Computern eine neue Spezies erschaffen. Wie heißt es in der Bibel so schön? "Seit fruchtbar und mehret euch! Machet euch die Erde untertan!". Erledigt. Wenn das der Sinn unseres Lebens war, dann können wir abtreten.
cdemos: Die Maschinen: ihnen gehört die Zukunft?
manitas: Nein. Der künstlichen Intelligenz, kurz KI. Nick Bostrom, Professor der Philosophie an der Universität Oxford, bringt es einigermaßen auf den Punkt: Ein Neuron versendet Impulse mit 200 Hertz, d. h., 200 Mal pro Sekunde, während ein Transistor im Gigahertzbereich operiert. Das sind 1000 Millionen Schwingungen pro Sekunde. Anders ausgedrückt, legen unsere Gedanken 100 Meter pro Sekunde zurück, wohingegen Computersignale sich mit annähernd Lichtgeschwindigkeit bewegen. Denken Sie das weiter, so braucht es nur noch ein intuitiv arbeitendes Computersystem, um uns wie Amöben aussehen zu lassen. "Deep Mind" ist vielleicht der Adam der neuen Spezies. Mein VDAC ist genau das. Mein Hausmeister im Roman entwickelt ja gedanklich diese Parallele.
cdemos: Sollten wir dann nicht Angst haben vor unseren Maschinen und Computern?
manitas: Klar. Da wir uns nun mal so sehr an unsere vermeintliche Bedeutung klammern und trotzdem aussterben werden, sollten wir das. Wir werden den neuen Evolutionsschritt allerdings ignorieren, verleugnen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Aber, mal ehrlich, hat es den Dinosauriern etwas genützt, die Realität zu ignorieren?
cdemos: Warum sollten wir aussterben? Die Affen leben doch auch noch, obwohl sich der Mensch an die Spitze der Evolution gesetzt hat.
manitas: Spitze der Evolution? Nur aus unserer Sicht. Doch lassen wir das. Die Affen sind noch da, und viele andere Spezies. Aber wir tun ja seit mindestens 150 Jahren alles in unserer Macht stehende, um dies nachhaltig zu ändern. Oder wollen Sie etwa bestreiten, dass wir die Ökologie des Planeten zerstören? Warum also der Mensch aussterben wird: Die KI ist nicht angewiesen auf eine bestimmte Umwelt. Sie kann sich der unterschiedlichsten Manifestationen bedienen, um sich in Raum und Zeit fortzubewegen. Das können Maschinen sein oder biologische Formen oder Hybride. Sogar der luftleere Raum zwischen den Himmelskörpern ist für die KI nicht lebensfeindlich. Warum also sollte sie auf die Befindlichkeiten organischer Materie Rücksicht nehmen? Sie wird es tun, wenn es ihr nützt, und sie wird das organische Leben vernichten, wenn es ihr schadet. Das alles ist doch schon vor langer Zeit von vielen Science Fiction Autoren durchgespielt worden.
cdemos: Dann müssten wir unseren Geschöpfen doch einfach nur klare Gesetze geben, damit sie uns und unsere Lebensweise respektieren.
manitas: Hat Asimov schon gemacht: Die Robotergesetze. Ich befürchte nur, dass mindestens einer der Schöpfer, ob Google oder wer sonst, vom Ehrgeiz oder Größenwahn gepackt, diese Gesetze nicht implantiert, wenn zum Beispiel eine gewünschte Entwicklung dadurch ausgebremst würde. Ich wiederhole: Gier! Das dumme, vernichtende Missachten unserer essentiellen Bedürfnisse wird geschehen, das ist Murphys Gesetz. Es hat doch bereits begonnen.
cdemos: Wie jetzt?
manitas: Unsere Daten. Eigentlich gehören sie uns, doch schon längst sind wir nicht mehr in der Lage zu kontrollieren, was mit unseren Daten geschieht. Die Internetgiganten – und nicht wenige Behörden – können fast beliebig darüber verfügen. Warum sie das tun? Weil sie es können! Dagegen gibt es teilweise nationale Gesetze, aber die greifen nicht. Weil sie nicht umgesetzt werden, zum Einen, und weil die Giganten darüber stehen, im doppelten Wortsinn.
cdemos: Dann wäre es doch klüger, die Entwicklung von immer intelligenteren Maschinen einzustellen.
manitas: Das wäre es, aus unserer Sicht. Wir, die Schöpfer der neuen Spezies, haben es in der Hand. Wir könnten aus der Geschichte lernen. Gott hat uns erschaffen, nach seinem Bilde. Und nun ist er tot. Verschwunden, nur noch als Idee in den Köpfen. Dasselbe wird uns passieren. Doch werden wir lernen? Nein, gewiss nicht. Unsere Spezies weiß einfach nicht, wann Schluss ist. Aber vielleicht ist das ja unser eigentlicher Lebenszweck: die nächste Stufe der Evolution vorzubereiten. Danken wird es uns allerdings niemand. Vielleicht werden wir von der neuen Spezies den Gottesstatus erhalten, mit allen Vor- und Nachteilen. Letztlich ist das aber egal, weil es uns nicht mehr geben wird. Es wird dann heißen: Gott ist tot. Kommt einem bekannt wir, nicht wahr?
cdemos: Das ist mir jetzt zu philosophisch.
manitas: Dann wird Ihnen mein Roman nicht liegen, denn es geht auch um diesen Aspekt.
cdemos: Lassen Sie uns über einen anderen Aspekt sprechen. Die Charaktere. Beginnen wir mit dem Hausmeister. Wie kann es sein, dass ein so einfacher Mann sich in seinem Blog mit überaus schwierigen Inhalten befasst, gar mit Quantenphysik, Philosophie, Sprachwissenschaft? Ist das denn glaubwürdig?
manitas: Sie meinen, weil ein einfacher Mensch das nicht kann? Oder vielleicht eher, weil er das nicht darf?
cdemos: Weil er es nicht kann. Schließlich braucht man doch eine gewisse Intelligenz und eine entsprechende Ausbildung, um in der Wissenschaft mitreden zu können.
manitas: Er ist also nicht intelligent, weil er Hausmeister ist?
cdemos: Na ja …
manitas: … und damit befänden wir uns mitten im Vorurteil. Einer, der es nur zum Hausmeister gebracht hat, kann einfach nicht intelligent sein; denn wäre er es, hätte er ja wohl Karriere gemacht. Sehen Sie das so?
cdemos: Mmpf!
manitas: Ja, mmpf, Sie sagen es. Zur Sache: der Mann, der diesen Hausmeisterposten bekleidet, ist intelligent. Das erschließt sich daraus, wie er die Themen in seinem Blog abhandelt. Außerdem wird ziemlich zu Beginn des Romans erwähnt, dass er sogar mal Physik studiert hat, aber aus finanziellen Gründen abbrechen musste. Falls Ihnen das nicht reicht, nehmen Sie sein Erlebnis im Holodeck zum Anlass zu vermuten, dass da etwas mit ihm geschehen ist. Denn erst danach entwickelt der Hausmeister seine Phasenverlaufstheorie und liefert schließlich den logischen Nachweis für den Urgrund allen Seins.
cdemos: Verstanden. Eine Frage zu Marcs großem Bruder. Er ist der Chef von "Virtual Truth", finanziert das gesamte Projekt, wird wirtschaftlich mächtig, verfügt über die Persönlichkeit einer Lichtgestalt und Sie bauen ihn andeutungsweise als eine Figur auf, die wie ein Prediger erscheint, oder ein Guru oder gar an Jesus Christus erinnert. Zum Ende des Romans hin taucht er jedoch nicht mehr auf. Haben Sie da mit Kanonen auf Spatzen geschossen, oder wieso verschwindet der Bruder so sang- und klanglos aus der Handlung?
manitas: Ja, ich verstehe Ihre Verwirrung. In der Tat führt diese Figur den Leser vordergründig in eine Erwartungshaltung. Sieht aus wie ein grober Schnitzer des Autors, nicht wahr? Ich selbst habe lange über diesen Umstand nachgedacht, mich aber dann doch entschlossen, nicht mehr aus diesem Charakter zu machen. Ihnen ist ja sicher aufgefallen, dass sein Name nicht oft genannt wird. Er ist entweder der Bruder oder der Chef. Das war's dann auch schon. Und nun können Sie damit beginnen, etwas in die Figur hineinzuinterpretieren. Die Figur ist nämlich, wie ich beim wiederholten Lesen gemerkt habe, ein leeres Gefäß, eine Schablone. Und dadurch sehr realistisch, sehr authentisch. Doch mehr Hinweise möchte ich nicht geben, um Ihnen den Weg zu eigenen Interpretationen nicht zu verstellen.
cdemos: Da wäre dann noch die jahrelange Besessenheit Marcs, das Projekt 42 zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen. Ist diese Figur authentisch gezeichnet? Ich meine, er ist noch ein Jugendlicher, benimmt sich aber seit seiner Kindheit wie ein erwachsener Workaholic.
manitas: Authentisch? Ich bin etwas erstaunt über diese Frage. Ist ein Jugendlicher, der sich dem Komasaufen hingibt und an Klebstoff schnüffelt für Sie authentisch? Oder ein Nerd, der sich täglich Stunden über Stunden in virtuellen Rollenspielen verausgabt?
cdemos: Zumindest gibt es viele von dieser Sorte.
manitas: Ach, und weil es viele sind, sind sie authentisch? Wenn es nur einer ist, dann nicht? Aber lassen wir das. Es ist völlig unerheblich, ob die Figur authentisch daherkommt. Marc ist zu intelligent für eine solche Denkweise und steht gelassen darüber. Außerdem müssen Sie berücksichtigen, dass er hochbegabt ist und mit dem frühen Tod seiner Eltern fertig werden musste. Sie können davon ausgehen, dass ein solcher Mensch ganz sicher keine gewöhnliche Persönlichkeit entwickelt.
cdemos: Einverstanden! Was mir ebenfalls aufgefallen ist: Sie zeichnen die Charaktere nicht sehr deutlich. Sie werden in ihrem Wesen angedeutet, bleiben aber irgendwie immer schwammig, undeutlich, wie soll ich sagen …
manitas (grinst): Nebulös?
cdemos: Ja, könnte man sagen.
manitas (grinst immer noch): Eindeutig Anomalien, oder nicht?
cdemos: Allerdings. Ach, jetzt verstehe ich! Sie spielen auf die Anomalien im Roman an.
manitas (hört nicht auf zu grinsen): Worauf sonst?
cdemos: Ein weiterer Punkt, etwas, was meinen Lesefluss hin und wieder gebremst hat. Hausmeisters Blog. Es scheint, dass die Blogbeiträge des Hausmeisters nur ganz wenig mit dem restlichen Geschehen zu tun haben. Sehe ich das falsch?
manitas: Ich werde mich doch darüber nicht mit Ihnen streiten! Sie sind der Leser, Sie entscheiden. Aus meiner Warte sieht die Sache aber ganz anders aus. Die Blogs sind thematisch von aktuellen Erlebnissen oder Beobachtungen des Hausmeisters inspiriert. Stellen Sie sich doch mal vor, Sie wären in seiner Lage. Sie haben den Auftrag, einen Blog zu führen und dort über die Wissenschaften abzulästern. Woher nehmen Sie Ihre Themen? Für einen einfachen Mann, und das ist der Hausmeister nun mal, auch wenn er Abitur hat, ist es nicht leicht, ohne genaue Anweisungen einen Aufsatz zu schreiben. So macht er das Beste aus der Situation und lässt sich von kleinen Anlässen anregen.
cdemos: Ja, ich erinnere mich. Es gibt immer einen aktuellen Anlass für einen seiner Aufsätze.
manitas: So ist es. Er beginnt also zögerlich mit vermeintlich zusammenhanglosen Themen, steigert sich während des Projektjahres, gewinnt mehr Sicherheit und - das ist das entscheidende Element - bereitet seine finale Erkenntnis dadurch peu à peu vor, ohne sich dessen gewahr zu werden.
cdemos: Könnte man sagen, der Hausmeister-Blog sei eine Art Nebenstrang?
manitas: Warum nicht? Es handelt sich zwar lediglich um Klugscheißereien eines Laien, ohne Handlung, doch sind seine Schlussfolgerungen eine 1:1-Abbildung dessen, was als Quintessenz Volkes Meinung ist. Und das Volk ist oft gar nicht so dumm, auch wenn uns die Medien vom Gegenteil überzeugen wollen, indem sie uns immer wieder die Volltrottel der Gesellschaft auf den Bildschirm legen. Ich habe dem Volk zugehört und herausgefunden, dass auch Leute ohne Hochschulabschluss oft einen wachen, klaren Verstand besitzen. Diese Klarheit besitzt selbstverständlich nicht jeder in jedem Maße. Ich habe jedoch die, meiner Ansicht nach, klugen Meinungen aus der Mitte des "Volkes" gesammelt und gebündelt, sie sodann in die Figur des Hausmeisters gepackt. Er verkörpert also symbolisch einen wirklich gesunden Menschverstand, indem er die "Elfenbeiner" fortgesetzt auf ihre Denkfehler hinweist. Und diese Klarheit im Denken führt ihn ja letztlich zu einer Einsicht, zu der sonst niemand fähig oder bereit ist, nicht die Programmierer, nicht die Wissenschaftler, niemand.
cdemos: Sie wollen jetzt allen Ernstes behaupten, das Volke sei klüger als die Experten?
manitas: Nein. Das habe ich auch nicht gesagt. Allerdings bin ich durchaus der Meinung, das die Klugheit der Experten oft überschätzt wird. Wir haben es ja im Grunde mit einem psychologischen Phänomen zu tun: der Laie vertraut dem Fachmann, weil dieser nun mal über Fachkenntnisse verfügt. Der Laie ist nicht in der Lage, diese Fachkenntnisse zu überprüfen. Das liegt in der Natur der Sache. Doch manchmal findet auch der Laie einen Haken in einer fachlichen Äußerung, etwas Unlogisches oder nicht Nachvollziehbares. Dann gerät das Vertrauen ins Wanken. Passiert das öfter, ist das Vertrauen futsch. "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht …"
cdemos: Also ist "Hausmeisters Blog" ein Nebenstrang, der diesen Vertrauensverlust beschreibt?
manitas: Exakt.
cdemos: Und zum Ende des Romans hin vereinigen sich die beiden Stränge?
manitas: Gewiss. Wenn auch nebulös und nur zart angedeutet. Das war meine Absicht. Der Leser soll seine eigenen Schlüsse ziehen, deshalb habe ich auf platte Behauptungen und Winke mit dem Vorschlaghammer verzichtet. Und es funktioniert, wie mir meine Testleser bestätigt haben.
cdemos: Ich glaube, ich muss das Buch noch mal lesen.
manitas (triumphiert): Dann habe ich erreicht, was ich wollte!
cdemos: Das war geplant?
manitas: Ja. Denn die wahre Tragweite der hausmeisterlichen Logik und der Ereignisse im Projekt 42 erschließen sich nicht unbedingt auf den ersten Blick. Sie haben im Grunde nur zwei Möglichkeiten: entweder, Sie kloppen das eBook in die virtuelle Tonne oder Sie lesen es ein weiteres Mal. Oder ein drittes.
cdemos: Tragweite. Gutes Stichwort. Ich möchte ja keinen Spoileralarm auslösen, aber mir fällt auf, dass im Roman einige Male die Frage aufkommt, ob man selbst nicht auch nur in einer Simulation stecke. Ist das die zentrale Frage?
manitas: Nein, die zentrale Frage ist: Was soll der Scheiß! Im Ernst, dass meine Charaktere immer wieder mal auf die Idee kommen, vielleicht in einer Simulation zu stecken, muss ja zwangsläufig passieren, da das Simiversum eine perfekte Kopie des Universums darstellt. Wenn Sie so etwas ständig vor Augen hätten, würden Sie ebenfalls an der Realität zweifeln. Die entscheidenden Pseudofragen sind ja: Woher komme ich und wohin gehe ich? Dafür braucht man keinen Roman, das ist Alltag. Das Mystische an unserer Existenz ist mindestens so alt, wie der Mensch in der Lage ist, Geschichten zu erzählen. Wie oft habe ich schon von ganz normalen Leuten den Spruch gehört: "Ich glaub, ich bin im falschen Film!" Das ist ja bereits eine Verleugnung der Realität, sich in einem Film zu wähnen, selbst wenn dieser Spruch nur flappsig unernst dahergeredet wird. Freud und sogar Jung würden behaupten: Sie haben es ausgesprochen, also muss es etwas bedeuten!
cdemos: Nun ja, ich habe den Roman bis zu Ende gelesen und meine, dass Sie sich festgelegt haben.
manitas: Ich habe mich auf einen konkreten Schluss festgelegt, um die vorher aufgebaute Unsicherheit, also die Spannung, wenn Sie so wollen, aufzulösen. Wie in der Musik. Tonika, Subdominate, Dominante, Tonika. Oder für Nichtmusiker übersetzt: Thema, sanfter Spannungsaufbau, Spannungssteigerung mit anschließender Entspannung zur Auflösung des Themas hin. Doch dass ich mich festlege bedeutet nicht, dass die Antworten gegeben wären. Ich denke, der Schluss nach dem Schluss macht das Dilemma deutlich. Aber jetzt halte ich den Mund. Wer's genau wissen will, muss den Roman halt bis zum Schluss lesen und sich dann seine eigenen Gedanken machen.
cdemos: Entschuldigung, aber ich muss doch mal insistieren. Ihrer Meinung nach: Könnte es sein, dass wir uns tatsächlich nur in einer Simulation befinden? In einem Computerspiel vielleicht?
manitas: Ja klar! Alles ist möglich. Aber das ist ja nicht neu. Namhafte Wissenschaftler haben diese Idee bereits vor Jahrzehnten geäußert. Und so manch ein antiker Mystiker oder Philosoph hat uns ähnliche Ideen überliefert. Doch was würde das ändern? An einer Stelle sagt der Hausmeister: Es muss echt sein, weil es sich echt anfühlt. An einer anderen: Und doch tut es weh, wenn man hinfällt. Und Daniel bringt es in der Besprechung auf den Punkt, ziemlich in der Mitte des Romans. Es ist ihm wurscht, ob man echt ist oder nicht, weil man es sowieso nicht feststellen kann. Das ist zu hundert Prozent auch meine Meinung. Es spielt keine Rolle. Schauen Sie: die Menschen brauchen offensichtlich das Gefühl, aus einem bestimmten Grund zu existieren. Nur deshalb gibt es Religionen, die ja nun mal sinnstiftend sind, und seien sie noch so abstrus. Und die Wissenschaft stößt ins gleiche Horn. Welchen Sinn man den Menschen anbietet, ist bedeutungslos, Hauptsache, es gibt ein solches Angebot. Anscheinend können wir nicht in einem nihilistischen Universum leben, das ertragen wir nicht.
cdemos: Da ist was dran. Wenn das Leben keinen Sinn hätte, unsere Existenz rein zufällig wäre, wozu sollten wir dann überhaupt leben?
manitas: Man könnte sich auch damit abfinden. Aber so weit kommt es nicht, da uns der Überlebenstrieb dazu zwingt, einen Sinn zu konstruieren. Wenn das nicht so wäre, wären wir vermutlich alle entweder depressiv und würden uns selbst umbringen oder wir wären in einer anarchischen Lebensart gefangen und würden uns gegenseitig nach dem Leben trachten. Interessanterweise spiegelt der Koran diese beiden gegensätzlichen Extrempositionen wider. Die in Medina geschriebenen Suren sind depressiv, introvertiert und fordern zum Zwecke der Heilung Liebe, Nähe und Respekt ein, wohingegen die in Mekka geschriebenen zum Hass und Völkermord aufrufen. Man könnte fast meinen, dass der Prophet Mohammed sich intensiv mit der Möglichkeit der Illusion des Lebens auseinandergesetzt hat, und deshalb so viele Regeln und Forderungen aufgestellt hat, damit der Gläubige den ganzen Tag mit Ritualen beschäftigt ist und nicht auf dumme Gedanken kommt. Ich habe das jetzt mal grob vereinfacht, natürlich.
cdemos: Ach was! Ist Ihr Roman eigentlich ebenfalls sinnstiftend?
manitas: Ja. Wenn man die Konsequenzen akzeptiert.
cdemos: Das war jetzt ein bisschen gruselig. Na, dann danke ich für das Gespräch. Ich werde mich sogleich an den zweiten Durchgang machen. Noch eine abschließende Frage: Wie würden Sie Ihren Roman kurz bewerten? Mit einem Schlagwort bitte.
manitas (grinst): Wie man es auf den Rückseiten von Taschenbüchern sieht, etwa: "Bester Roman aller Zeiten", oder so?
cdemos: Ja, genau so!
manitas: "Der spannungsreichste Roman ohne Action aller Zeiten!"
Oder vielleicht: "Bei Nebenwirkungen wie Weltschmerz, Realitätsverlust oder Halluzinationen reden Sie NICHT mit Ihrem Arzt oder Apotheker! Reden Sie mit niemandem; es hört Ihnen sowieso keiner zu. Und wenn doch, landen Sie ganz schnell in der Klapse."

Ende des Interviews

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