Tacheles - mit L. Manitas …

… im Dialog mit cdemos

Teil 1 - über Literaturagenturen und Verlage

Interview mit L. Manitas

cdemos: Danke, Manitas, dass Sie für ein Gespräch zur Verfügung stehen.
manitas: Ich habe zu danken.
cdemos: Wir werden sehen! Manitas, wie wird man ein erfolgreicher Autor?
manitas (lacht): Indem man zum Beispiel einen guten Roman schreibt? War nur ein Scherz! Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Da sind Kräfte am Werk, mit seltsam unterirdischen Regeln, die mir schleierhaft sind. Aber ich habe einen Verdacht.
cdemos: Und der wäre?
manitas: Was helfen könnte: wenn Sie jemanden kennen, der jemanden kennt, der …
cdemos: Vernetzung?
manitas: Im Prinzip ja. Wenn sie gut und relevant vernetzt sind, können Sie alles schreiben. Alles! Ob gut oder schlecht, spielt dann keine Rolle. Es findet sich immer ein Speichellecker oder ein korrupter Kritiker, der ihrem Machwerk aufs Pferd hilft. Gesetz des Marktes, nehme ich an.
cdemos: Ist das nicht traurig?
manitas: Ja. Doch Vernetzung hat auch seine Schattenseiten.
cdemos: Welche?
manitas: Sie müssen als unbekannter Autor zum Beispiel dem Ego eines Lektors oder einer Lektorin schmeicheln. Oder manchmal auch in den Hintern kriechen.
cdemos: Und das würden Sie nie tun, nehme ich an?
manitas: Kommt auf den Hintern an. Bei einer Lektorin, deren Gesäß mir gefällt, würde ich es mir vielleicht überlegen. (grinst schmierig)
cdemos: Und wenn man ein bekannter Autor ist?
manitas: Dann ist es etwas einfacher, aber den Regeln des Netzwerkes muss man immer noch gehorchen, sonst hat man keine Chance.
cdemos: Sie haben kürzlich ihren Roman 42 Punkt Null als eBook selbst veröffentlicht.
manitas: Ende März 2016, ja.
cdemos: Wieso nicht als gedrucktes Buch bei einem Verlag?
manitas: Wollen Sie wirklich eine Antwort darauf? Haben Sie genug Zeit und hat Ihr Server genügend Speicherplatz?
cdemos: Versuchen Sie's mit der Kurzfassung.
manitas: Also gut. Ich habe einigen Verlagen und Literaturagenten ein Exposé zugeschickt. Nach etlichen Monaten Wartezeit hat sich ein einziger der Verlage bequemt, mir eine Standardabsage per Mail zu schicken. Aus dem Text ging eindeutig hervor, dass sich niemand, noch nicht einmal ein Praktikant, die Mühe gemacht hat, auch nur einen Blick auf das Exposé zu werfen. Wenn ich darauf noch weiter eingehen soll, wird das den Rahmen dieses Interviews sprengen. Die angeschriebenen Agenturen haben mir übrigens fast alle geantwortet, wenn auch abschlägig, aber immerhin. Das ist ein fairer Umgang und findet meine Hochachtung.
cdemos: Immerhin haben Sie von einem Verlag eine Antwort erhalten. Das ist doch besser als nichts. Die meistens Verlage machen sich noch nicht einmal mehr die Mühe. Sie wissen aber schon, dass viele Autoren 30 und mehr Absagen bzw. Nichtbeachtungen erhalten, bevor sie von einem Verlag angenommen werden?
manitas: Selbstverständlich. Ich sage nur so viel: Nach zwei Jahren Recherche und zähen Wartens, "ob vielleicht oder doch nicht", entstand vor meinem inneren Auge ein recht deutliches Bild vom desolaten Zustand der deutschen Verlage und auch der Literaturszene insgesamt.
cdemos: Aber da gibt es doch noch die Literatur-Agenturen. Was halten Sie von denen?
manitas: Einerseits, andererseits. Im Prinzip eine gute Sache, vor allem wenn man bedenkt, dass viele Verlage aus Kostengründen Aufgaben outsourcen. Der Nachteil bei den Agenturen ist: Sie sind noch wählerischer als Verlage. Für Autoren eine große Herausforderung, für die Leser - theoretisch - ein Gewinn.
cdemos: Wie ist das zu verstehen? Legen die Agenturen noch mehr Wert auf gut geschriebene Literatur?
manitas: Ja, das auch. Agenturen wirken wie ein Filter. Allzu Schrottiges bleibt hängen, kommt erst gar nicht auf den Markt. Das Problem ist allerdings ein anderes. Die Agenturen sind ebenfalls den Gesetzen des Marktes unterworfen, vielleicht sogar noch vehementer als die Verlage. Das führt dazu, dass eine Agentur Neulinge in der Regel gar nicht vertreten will, sei der Roman auch noch so gut geschrieben und noch so relevant. Diese Vermittler schauen in erster Linie auf die Vita eines Autors. Ist er bekannt, reißen die sich ein Bein aus, um ihn zu vertreten. Ist er unbekannt, haben sie kein Interesse.
cdemos: Ist das bei allen Agenturen so?
manitas: Es mag Ausnahmen geben, aber grundsätzlich konzentrieren sich alle Literaturagenten zuerst auf die Vermarktbarkeit. Verkauft wird, was angesagt ist, unabhängig von der Qualität des Geschriebenen. Der Bekanntheitsgrad eins Autors ist ein wichtiger Aktivposten. Und so schlägt gnadenlos ein Mechanismus zu, den ich hier jetzt mal der Einfachheit halber den "Konsumentenmacher" nennen. Die Agenturen können jedoch den Schrottanteil in der Literaturszene senken, verhindern können sie ihn leider nicht.
cdemos: Woran liegt das?
manitas: Hier gilt das Gleiche wie für die Verlage: Überleben ist das Gebot der Stunde. Kann ich durchaus nachvollziehen, auch wenn ich es nicht gut finde. Aber es ist, wie es ist, weil es so ist, wie es ist.
cdemos: Könnte man sagen, dass Agenturen, obwohl diesen Zwängen unterworfen, dennoch Garanten für gut Literatur sind?
manitas: Was ist gute Literatur? Man sollte sich immer darüber im Klaren sein, dass Geschmäcker verschieden sind. Gute Literatur wird von Leuten definiert, die sich für fach- und sachkundig halten. Der Konsument glaubt und vertraut diesen Leuten - und zack! - ist ein Bestseller geboren, egal, wie ekelhaft die "Feuchtgebiete" sind.
cdemos: Anspielung?
manitas: Klar!
cdemos: Was wäre denn für Sie gute Literatur?
manitas: Das kann und will ich nicht definieren. Mir fehlt das Überheblichkeits-Gen. Als Leser kann ich nur sagen, dass mich 2-dimensionale Werke nicht interessieren.
cdemos: 2-dimensional?
manitas: Künstlich in die Breite und Länge gezogene Werke. Kehlmann, Schätzing, Neruda und Hunderte mehr.
cdemos: Aber das sind doch sehr anerkannte und erfolgreiche Autoren …
manitas: Ja. Und deshalb sind ihre Werke per Definition "gute Literatur". Doch als Leser interessiert es mich nicht, ob sich ein Autor so gut auf der Museumsinsel in Berlin auskennt, dass er seitenlang über Exponate fabulieren kann. Als Leser will ich, dass die Geschichte vorangeht.
cdemos: Sie sprechen von Frank Schätzings "Limit", richtig? Mögen Sie Schätzing nicht!
manitas: Sie kennen sich ja aus! In der Tat, davon spreche ich, jedoch nur exemplarisch. Aber, um eins klarzustellen, ich mag die Bücher von Frank Schätzing. Er spricht wirklich relevante Themen an, extrapoliert diese ein wenig. Er recherchiert exzellent und akribisch, das gefällt mir. Und er schreibt meistens stilsicher und erzählt spannende Geschichten. Mir missfällt nur seine epische Breite.
cdemos: Die Verlage und Agenturen sehen das vermutlich anders …
manitas: Das ist denen doch egal! Er und andere großartige Autoren verkaufen, darauf kommt es an. Und, um auch das deutlich zu sagen, als Leser schätze ich die genannten Autoren durchaus. Nur leider bringen mich deren Geschichten meist nicht voran.
cdemos: Wo wollen Sie denn hin?
manitas (lacht): Ich will, dass mich der Text irgendwohin bringt. Das Ziel ist mir eigentlich schnuppe. Ich will mich entwickeln, und dafür brauche ich Vorbilder. In diesem Fall sollten es Autoren sein. Sie haben die Pflicht, mich klüger zu machen. Um dümmer zu werden, dazu brauche ich keine Literatur, da reichen mir Werbung und Internet.
cdemos: Sie sagen also im Grunde, dass Verlage und Agenturen Ihnen nicht bei ihrer persönlichen Entwicklung behilflich sind.
manitas: Damit lehne ich mich vermutlich weit aus dem Fenster, aber ja - so sehe ich das. Ich lese gerne, und ich lasse mich auch gerne unterhalten. Aber ein Buch sollte zu mehr taugen, als mir nur beim Einschlafen zu helfen.
cdemos: Es werden aber doch Unmengen Bücher auf den Markt geworfen. Da haben Sie dann die freie Auswahl. Wo liegt denn Ihr Problem?
manitas: Sie sagen es, geworfen! Haben Sie diese Bücher gelesen? Ich schon, einen Teil zumindest. Wie gesagt, als Einschlafhilfe. Ich möchte aber, dass mich ein Buch so fesselt, dass ich NICHT einschlafen kann. Noch eine Seite, noch eine Seite und … Na ja, Pustekuchen. Meistens. Ach, da fällt mir ein: einen Roman habe ich letztens gelesen und mir die halbe Nacht damit um die Ohren geschlagen. Es handelt sich um "Ich bin alt und brauche das Geld" von Eva Völler. Ein Frauenroman. Ich und Frauenroman, das passt so gar nicht! Ich habe mir allerdings angewöhnt, JEDEM Buch eine Chance zu geben. Ich lese also den Klappentext und die erste Seite. Das reicht in der Regel aus, um mich für ein Buch zu interessieren oder eben nicht. Bei besagtem Roman von Eva Völler konnte ich nach der ersten Seite nicht mehr aufhören. Es ist sicherlich keine großartige Literatur und, wie gesagt, Frauenromane liegen mir nicht, aber ich wurde bis zum Schluss nicht enttäuscht und habe sogar etwas gelernt. Und mich ein bisschen in die mir persönlich unbekannte Autorin verliebt. Aber das bleibt unter uns! Ansonsten ist es mittlerweile sehr schwer, in diesem Haufen publizerten Schrotts noch einen einigermaßen lesbaren Roman zu finden. Das meiste ist geistiger Dünnpfiff, langweilig, nur auf billige Effekthascherei aus. Kotz! Nun gut, wenigstens bekomme ich genügend Schlaf.
cdemos: Wechseln wir mal die Perspektive und stellen uns auf die Seite der unbekannten Autoren. Sie meinen also, dass es keinen Sinn macht, sein Buch einem Verlag oder einer Agentur auf traditionellem Wege anzubieten, wenn ich Ihre bisherigen Ausführungen mal interpretieren darf?
manitas: Unterlassen Sie doch bitte den Ausdruck "das macht keinen Sinn"! Furchtbar! Es handelt sich um einen inzwischen inflationär gebrauchten Unsatz. Wenn Sie englisch reden, okay. Im Deutschen heißt das: "Es ergibt keinen Sinn". Ein Sinn ist entweder vorhanden oder nicht. Man kann ihn nicht "machen".
Aber zurück zur eigentlichen Frage. In der Tat, den üblichen Weg zu beschreiten ist sinnlos, wenn man kein Vitamin B zur Verfügung hat oder in irgendeiner Form reich, berühmt und/oder bekloppt ist. Jeder Vollspacko, der für den durchschnittlichen Konsumenten einigermaßen interessant sein könnte, veröffentlich heutzutage ein Buch. Die meisten werden dazu genötigt. Von selbst würde ein ehemaliger Tennisweltstar wohl kaum auf die Idee kommen, seine Memoiren zu schreiben. Na ja, schreiben zu lassen. Aber die Kohle lockt und die Konsumenten sind willig. Also, was soll's? Die Verlage sind nur noch am Umsatz interessiert, nicht mehr an Literatur. Und ich verstehe das sogar: Überleben ist wichtiger als die Pflege der Kunst.
cdemos: Was verstehen Sie unter "durchschnittlicher Konsument"?
manitas: Das vermag ich nicht klar zu definieren. Im Groben handelt es sich um Leute, die sich auch das Dschungelcamp anschauen oder die Bunte lesen oder einen billigen Pauschalurlaub buchen oder so ähnlich.
cdemos: Haben Sie etwas gegen diese Menschen?
manitas: Nein, keineswegs. Ich habe nur etwas dagegen, dass Verlage und Entscheider im Literaturbetrieb ausschließlich gewinnorientiert nur noch auf diese Zielgruppe schauen. Eine witzige Sache am Rande: wenn man als Autor ein Exposé einreicht, soll man auch immer die Zielgruppe benennen. Das ist eine große Herausforderung, denn falls ich schreibe: der "durchschnittliche Konsument", werde ich ausgelacht oder gar beschimpft. Ist mir passiert. Ich habe einmal einen diesbezüglichen wütenden Anruf eines Literaturagenten erhalten. Definiere ich aber meine Zielgruppe als zum Beipiel "alle, die an Metaphysik interessiert sind", so kann es durchaus sein, dass man mir erklärt, so was ließe sich nicht verkaufen.
cdemos: Mag sein, dass Sie recht haben. Doch eben äußerten Sie Verständnis für den Zwang des Überlebens, dem die Verlage und Agenturen unterworfen sind.
manitas: Ja, ich kann diese Zwänge durchaus nachvollziehen. Was ich aber nicht verstehe, und auch nicht gutheiße, ist die dumme und kurzsichtige Fokussierung auf das schnelle Geld. Würde man die Bestseller nicht verramschen, sondern etwas teurer verkaufen, könnte ein guter Prozentsatz des Gewinns zur Förderung der Literatur verwendet werden, zum Beispiel für Nachwuchsarbeit. Doch wie es aussieht, lässt die Gier der Aktionäre keinen solchen Spielraum zu. Im Grunde arbeiten die großen Publikumsverlage wie die Vereine der Fußballbundesliga. Es werden lieber teure Spieler eingekauft, als vernünftige, aber kostenintensive Nachwuchsarbeit betrieben. Unter dem Strich scheint der Gewinn höher zu sein.
cdemos: Aber es gibt doch immer wieder Wettbewerbe. Dienen diese nicht der Nachwuchsförderung?
manitas: Doch, das tun sie. Leider wird dabei wieder nur eine kunsthandwerkliche Elite herausgefischt, die wiederum darauf trainiert wird, Bestseller zu produzieren. Bestseller entstehen übrigens nicht durch die Qualität der Inhalte, sondern durch Verkäufe. Aus dem Musikbusiness kennt man das zur Genüge, und zwar seit Jahrzehnten.
cdemos: Wie läuft das ab?
manitas: Es gibt Gerüchte im Netz. Dort heißt es, es werden zum Beipiel 10.000 Bücher eines bestimmten Titels von einem Strohmann gekauft, im Auftrag des Herausgebers, um in die Bestsellerlisten der selbsternannten Literaturkritiker, die es in allen Medien zuhauf gibt, aufgenommen zu werden. Angeblich sollen dann noch ausgewählte Kritiker oder Rezensenten finanziell motiviert werden, eine überschwängliche Kritik zu veröffentlichen. Dann läuft der Rest wie von selbst, wird behauptet.
cdemos: Bestechung? Das klingt doch eher nach Verschwörungstheorie. Glauben Sie, dass an den Gerüchten etwas dran ist?
manitas: Ich habe keine Ahnung. Die Leute reden viel, vor allem im Internet. Vielleicht sind das ja nur Verschwörungstheorien von abgewiesenen und frustierten Autoren, die einfach nur Gift verspritzen wollen. Ich kann nur sagen, dass ich, wäre ich ein Verlagsleiter, es so machen würde, wie in den Gerüchten behauptet.
cdemos: Lassen wir das mal so stehen. Dennoch wage ich die Behauptung, dass es eine echte Kulturszene gibt, die nicht kommerzorientiert ist. Etwa diverse Slams oder Lesebühnen. Wäre das nicht eine Alternative?
manitas: Das SIND Alternativen, in der Tat. Überwiegend junge Leute, großartige Talente dabei, modern, pfeilschnell und bissig. Und diese Leute tragen entscheidend dazu bei, die Vielfalt der Kultur am Leben zu halten. Doch leider sind das, wie schon immer in der Indieszene, kleine Hunde, die zwar mit den großen bellen, aber letztlich doch nur kleine Haufen scheißen. Der Patient Kultur liegt nämlich auf der Intensivstation, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Maschinen abgeschaltet werden. Das befürchte ich zumindest. Ich hoffe, ich irre mich!
cdemos: Das heißt?
manitas: Das heißt, dass ich mich irren will! Doch leider mehren sich die Zeichen, dass wir alle uns in einem Umerziehungsprogramm befinden. Zum guten, folgsamen Konsumenten; zum Kreischen, wenn die Popstars kommen; zum Hypen von nichtssagenden, aber millionenfach angeklickten Youtube-Videos mit Kosmetiktipps. Und so weiter. Hauptsache affig, albern, aber spektakulär. In der Literatur haben wir exakt denselben Effekt. Ich sage nur: "50 shades of Langeweile"!
cdemos: Anspielung?
manitas: Was sonst?
cdemos: Jetzt wandern wir aber so langsam wieder in feuchte Gebiete, was? Kehren wir schnell zum Ausgangsthema zurück - wieso haben Sie Ihren Roman ausschließlich als eBook veröffentlicht?
manitas: Weil ich keine Lust habe, ewig auf eine Antwort zu hoffen. Und weil ich nicht nur für die Schublade schreiben will.
cdemos: Und was ist mit Kleinverlagen? Die sind doch, soweit man weiß, nicht unbedingt nur auf Gewinnmaximierung aus.
manitas: Aber noch langsamer und wählerischer. Die Handvoll Kleinverleger, die sich der echten schöngeistigen Literatur widmen - immer noch, trotz der ständig drohenden Pleite - sind für jemanden wie mich fast unerreichbar.
cdemos: Für jemanden wie Sie?
manitas: Ja klar. Es gilt in etwa das Gleiche, wie für die Agenturen. Ich bin ein Nobody, vielleicht sogar nur verhalten talentiert. Es kann durchaus sein, dass ich nicht intellektuell genug schreibe. Ich würde mich jedenfalls niemals mit einem Böll oder Grass oder Schätzing vergleichen wollen, rein handwerklich, selbstredend. Was Phantasie und Tiefe angeht, kann ich jedoch durchaus mithalten, wenn nicht mehr. Auf der anderen Seite liegt es mir fern, reine Gebrauchsliteratur zu schreiben. Ich weigere mich, in die für Tiefe gehaltene Breite zu gehen, indem ich mich eine Seite lang über ein kunstvoll geschmiedetes Treppengeländer auslasse. Das ödet mich an. All diese Frauenromane, Science Fiction, Western, Krimis und so fort enthalten jede Menge Breite, dafür aber so gut wie keine Tiefe. Das sollen Leute machen, die das können und wollen.
cdemos: Sehen Sie das wirklich so?
manitas: Ja und nein! Ich bin nicht realitätsblind. Es gibt eine Menge Leser, die einen actiongeladenen Thriller oder einen romantisch aufgeblasenen Liebesroman einem philosophisch orientierten Roman vorziehen. Auf der anderen Seite der Palette liegen, wie gesagt, die Intellektuellen und Avantgardisten, bei denen ich nicht mitmachen kann - oder, wenn ich ehrlich bin, nicht will. Mich langweilt das intellektuelle Geschwafel schon seit einigen Jahrzehnten. Ein bisschen Spannung, ein bisschen Humor, ein bisschen Romantik, ein bisschen Nachdenkliches, ein paar Klischees, etwas mehr Kritisches, ein paar alltägliche Absurditäten, das ist es, was mir vorschwebt. So was lese ich gerne und das bemühe ich mich logischerweise auch zu schreiben.
cdemos: Und 42 Punkt Null ist in dieser Art geschrieben?
manitas: Yepp! Na ja, Schwerpunkt Metaphysik, wenig Action, keine Romantik. Manche Leser werden mit Sicherheit überfordert sein, anderen werde ich in den kritischen Passagen nicht weit genug gehen. Ich habe mich beim Schreiben oft an meine Schulzeit erinnert, in der es hieß: "Bleib beim Thema!". Folglich habe ich mich bei der reichlich vorhandenen Kritik an unserer Zeit zusammengerissen, um nicht ausufernd zu werde. Mein Roman hatte von Beginn an nur ein Ziel: Es geht um nicht weniger als um die grundsätzlichen Fragen des Seins. Philosophen, Wissenschaftler, Künstler und was weiß ich wer haben sich seit Menschengedenken mit diesem Themenkomplex auseinandergesetzt. Und jetzt komme ich noch dazu! Mag sein, dass der Markt das momentan nicht braucht. Wenn ich aus dem Fenster schaue, drängt sich mir der Verdacht auf!
cdemos: Was meinen Sie?
manitas: Wie bereits erwähnt - Konsumenten. Schauen Sie doch mal genauer hin! Es gibt inzwischen eine Diktatur des Konsums. Alles, wirklich alles, muss sich diesem Diktat unterwerfen. Die paar herausragenden Avantgardisten finden zwar auch ihre Nischen, doch glauben Sie bloß nicht, dass sie diesen Regeln nicht ebenfalls unterworfen wären. Der Konsum findet dort nur auf einer höheren Ebene statt. Und damit meine ich das Geld. Die Ausnahme-Künstler verkaufen halt teurer. Ihre Werke sind nicht massenkonsumtauglich, aber durchaus für den Edelkonsum gebaut. Weil sich die Begüterten mit dem Besitz des Außergewöhnlichen brüsten können und sich nicht mehr gar so arg für ihren Reichtum schämen müssen, wenn sie sich der edlen Kunst zuwenden. Auch, wenn sie nichts kapieren. Aber das ist egal - der Schein trügt nicht, er zählt.
cdemos: Das sind harte Worte. Es klingt ein bisschen so, als ob Sie neidisch wären oder mit Ihrem Schicksal haderten.
manitas (grinst): Von mir aus! Ich kann mich ja mal auf die Couch legen.
cdemos: Sie sind also nicht neidisch auf die erfolgreichen Autoren?
manitas: Doch, und wie! Ich bin aber nicht neidisch auf ihren Erfolg, gewiss nicht. Wer gute Geschichten erzählt, soll auch entsprechend entlohnt und gewürdigt werden. Ich bin neidisch auf deren soziale Kompetenz und soziale Vernetzung. Das habe ich alles nicht.
cdemos: Warum nicht?
manitas: Hat sich so ergeben, einerseits. Und andererseits war ich schon immer ein Eigenbrötler. Meine Erfahrung ist, dass so was nicht so gut ankommt bei den Leuten.
cdemos: Warum sind Sie so? Es heißt doch, ein jeder sei seines Glückes Schmied. Sie könnten sich also durchaus um soziale Kontakte kümmern, wenn Sie wollten.
manitas: Könnte ich, theoretisch. Es ist mir aber nie gelungen, diese oberflächlichen Vernetzungen, an denen ich durchaus immer wieder beteiligt war, auch ernsthaft zu leben. Es gibt aber einige wenige, wirklich sehr wenige Menschen, mit denen ich eine tiefgehende Verbundenheit verspüre.
cdemos: Das klingt irgendwie traurig.
manitas: Wahrscheinlich sind meine Ansprüche zu hoch. Ich verabscheue Smalltalker und Dummschwätzer, ich verachte notorische Jasager und ich ekle mich vor Opportunisten. Je länger ich mich mit jemandem unterhalte, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, hinter die Fassade zu schauen und NICHTS zu sehen, wirklich absolut gar nichts! Ich schaffe es jedenfalls nicht, mit solchen Leuten dauerhaft zu tun zu haben. Davon kriege ich Pickel.
cdemos: Verlassen wir doch mal ihr persönliches Schicksal. Wie würden Sie die aktuelle Literaturszene bewerten?
manitas: Eine Wertung steht mir nicht zu. Ich kann höchstens meine perönliche Meinung dazu äußern.
cdemos: Dann machen Sie das mal!
manitas: Ich sagte ja bereits, dass der Fokus zu stark auf Gewinnerwartungen liegt. Das führt meiner Meinung nach zu einer Verarmung der Literaturszene. Ich behaupte: Es gibt viele gute Autorinnen und Autoren. Nicht jeder von denen hat das Zeug, in der Oberliga mitzuspielen, aber in der 2. Liga ist es doch auch ganz nett. Der Leistungsdruck, der auf Nachwuchsautoren liegt, ist enorm. Leider werden uns Lesern diese guten Leute vorenthalten, weil die Verlage sich aus den genannten Gründen nicht mit Kleinvieh abgeben wollen oder können.
cdemos: Könnte denn die Indieszene dem nicht abhelfen?
manitas: Nein. Als Indieautor landest du - mit viel Glück! - immer in irgendeiner Clique, Seilschaft oder Nische. Die großen Segmente bleiben dir verschlossen. Die meisten Indieautoren haben jedoch nicht das Glück. Sie verschwinden im Nichts, aus dem sie gekommen sind.
cdemos: Wird denn die Literaturszene durch die alternativen Plattformen nicht bereichert?
manitas: Sollte man meinen, nicht wahr? Leider sehe ich das nicht. In keiner Kultursparte. Ich vergleiche das mal wieder mit dem Sport: Der Fußball wird definitiv nicht besser, nur weil Spieler, Trainer und Funktionäre immer höhere Gagen bekommen. Reicher werden immer nur einzelne, die Gesamtheit profitiert nicht. Dabei ist es unerheblich, ob solche Prozesse demokratisch, diktatorisch oder kapitalistisch gesteuert werden. Solange es keinen objektiven Wertemaßstab gibt, wird das so bleiben. Und den gibt es nicht, hat es nie gegeben und wird es auch in Zukunft nicht geben.
cdemos: Na ja. Darüber kann man sicher diskutieren.
manitas: Sollte man auch, unbedingt! Sie wollten meine persönliche Meinung hören. Darin steckt ja auch, dass ich falsch liegen kann. Ich habe jedenfalls nicht vor, die Brust rauszustrecken und voller Überzeugung meine Meinung als absolute Wahrheit zu verkünden. Das können andere besser.
cdemos: Warum so bescheiden? Vielleicht sollten Sie sich tatsächlich auf die Couch legen.
manitas: Da haben Sie vermutlich recht …

Zur Fortsetzung des Interviews.  >>

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